Zweischneidig: Mikro-Gefühlsausdrücke erkennen

Mikro-Gefühlsausdrücke

Gustave Courbert – Le Désespéré

Menschen können gar nicht anders, als ihre Gefühle im Gesichtsausdruck zu zeigen, und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Das mit dem Bruchteil ist für Mikro-Gefühlsausdrücke wörtlich zu nehmen. Die sieben kulturell unabhängigen Gefühlsausdrücke Freude, Wut, Angst, Trauer, Überraschung, Verachtung und Ekel lassen sich nicht verbergen.

Wie ein Vorhang sich kurz öffnet, so zeigen sich diese Gefühlsausdrücke in kurzen Zeitfenstern von einer Fünftel Sekunde bis unter einem Dreissigstel einer Sekunde als Intermezzo des vordergründigen Gesichtsausdrucks. Zum Vergleich für diese Zeitspanne kann man den Film hernehmen. Hier reichen 24 Bilder pro Sekunde aus, dem Betrachter eine flüssige Bewegungsabfolge vorzuspielen. Mikro-Gefühlsausdrücke können also leicht übersehen werden, sollte man meinen.

Meditieren trainiert das Erkennen

Eine noch kürzere Zeitspanne ist da bewusst eigentlich nicht wahrnehmbar. Und doch geht dies, und man kann diese Fähigkeit erlernen und trainieren. Das Buch, in dem ich auf diese kurzen Gesichtsausdrücke stieß, hat den Titel »Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog.« Der Hirnforscher Wolf Singer und der französischstämmige buddhistische Mönch Matthieu Ricard reden darüber, wie Bewußtheitstraining (Meditation) und Neurowissenschaften in Beziehung treten können.

Nun, diese Mikroausdrücke bzw. micro expressions sind seit den Forschungen von Paul Ekman bekannt geworden und in oben zitiertem Buch wird darauf eingegangen, dass bei Messungen von Paul Ekman Menschen mit viel Meditationspraxis micro expressions ungleich besser erkennen als andere Testpersonen. Matthieu Ricard erklärt dies damit, dass erfahrene Meditierende eine besondere Befähigung zur Emphatie entwickelt haben. Das Mitfühlen der Gefühle anderer wird durch gar nicht so besondere Mediatationspraktiken eigens trainiert – und es ist eine nicht leichte Übung, wie ich aus eigener Erfahrung sagen kann. Gesteigerte Achtsamkeit gehört da auch hinzu, ergänzt Wolf Singer und verweist auf den minimalen attentional blink von Meditierenden.

Wer sich sonst so für Mikro-Gefühlsausdrücke interessiert

Sehr schnell nachdem ich mich etwas mehr mit micro expressions zu beschäftigen begann, stieß ich auf eine zweite im Erkennen der Mikroausdrücke besonders begabte Personengruppe: Geheimdienstler. Sie und andere Verhör- und Analysespezialisten werden extra darauf trainiert, diese kurzen »verräterischen« Gefühlsausdrücke zu erkennen. Ob dabei Emphatie im Spiel ist, wage ich zu bezweifeln. Bald darauf stellte ich auch fest, selbst Personalchefs, vermeidlich betrogene Ehefrauen und -männer und überhaupt alle, die sich dafür aus welchen Gründen auch immer dafür interessieren, können ihre Fähigkeit, micro expressions zu erkennen, mit kommerziellen Hilfsmitteln trainieren.

Was der Mensch kann, soll künstliche Intelligenz auch können. Und so ist die Wirtschaft heftig interessiert an Anwendungen, die die wahren Gefühle der Kunden gegenüber ihren Waren verrät. Die Datenbrille Google Glas ist dafür anscheinend eine hoch interessante Grundlage. Der Startup Emotient sammelte gerade erst für eine Datenbrille-Anwendung für den Handel zum Gefühle-Lesen ohne Mühe mal eben acht Millionen Dollar an Finanzierung ein.

Die schöne Seite des emphatischen Erkennens von Mikroausdrücken bekommt also ein profanes bis häßliches Gegenstück, bei dem andere als positive Beweggründe im Vordergrund stehen. Meist geht es darum, Lügen zu entlarven, ohne seine besonderen Fähigkeiten dazu offenzulegen.

Selbst Paul Ekman ist kommerziell erfolgreich dabei, seine Erkenntnisse zu monetarisieren und schult CIA, FBI und private Sicherheitsfirmen. Walt Disney setzte Ekmans Wissen im Animationsfilm »Toy Story« erstmals ein. Von da bis zu emotionserkennenden und -simulierenden Roboterwesen ist es nicht mehr weit. Und zum Täuschen eben durch das Wissen per Mikro-Gefühlsausdrücke auch nicht…

Hieronymus Bosch - Kreuztragung Christi (Ausschnitt)
Hieronymus Bosch – Kreuztragung Christi (Ausschnitt)

Tröstlich, dass eine differenzierte Wahrnehmung der Gefühlsausdrücke (plus Gestik, Körperhaltung, Stimme, …) wohl noch weit von der maschinellen Verwertbarkeit liegt. Menschen werden nach wie vor von einem emphatischen menschlichen Mitgefühl besser verstanden und profitieren dabei mehr als bei obigen selbstsüchtigen Anwendungen. Das komplette Vokabular, die Sprache der Gefühle verstehen emphatisch erkennende (kognitiv) und mitfühlende (emotional) Menschen am besten.

Und bemerkenswert und für mich versöhnlich ist, dass Paul Ekman auf den Dalai Lama getroffen ist, mit ihm in einem Programm Meditation, die Kultivierung von Mitgefühl und Weisheit, pardon wissenschaftliche Erkenntnis zusammen gebracht hat, und sich nun einem neuen Themenfeld zugewandt hat: dem Weg zum Glück.

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Ein Gedanke zu „Zweischneidig: Mikro-Gefühlsausdrücke erkennen

  • 10. Mai 2014 um 20:21
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    Spätetens seit „Lie to me“, das ja auch auf diese Art Studien aufbaute, interessiert mich dieses Thema wahnsinnig und ich versuche immer, die Mikroausdrücke bei meinen Kollegen zu erwischen 😉
    Super spannend, ich schau mir gleich mal das Buch näher an.

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