Umzug

So viel Wechsel im Leben – und dann komme ich ausgerechnet mit diesem Blog nicht dazu, darüber zu schreiben. Falsch, stimmt so nicht. Sagen wir mal so: die Prioritäten waren anders. Jedenfalls bin ich umgezogen, ich habe wieder eine eigene Wohnung, ein neues Umfeld, andere Aufgaben, eine neue Ausrichtung. Umzug also, hier in Rückblenden:
Wohnung finden
Es war wohl meine Beharrlichkeit, die mich zu meiner neuen Wohnung führte. In einer neuen Stadt, für knapp 30 Stunden, mit sieben festen Besichtigungsterminen und einem in Dauerbenutzung befindlichen Smartphone. An einer Tür klingele ich zu einem Termin vergebens, und nach einem Kaffee zusammen mit meiner mich durch die Stadt fahrenden ortsansässigen Begleiterin, etwa später nochmals vergebens. Eigentlich habe ich schon eine Zusage in der Tasche, aber ich rede freundlich auf den Anrufbeantworter des Kontakts, den Vormietern. Später am Abend kann ich einen neuen Termin für den nächsten Vormittag ausmachen. Das führt dazu, die Vermieterin bei der Besichtigung anzutreffen, die mit mir praktisch sofort einig wird. Am Vortag wäre ich durch den Filter der Vormieter gefallen, weil ich ihre Einbauküche nicht übernehmen wollte.
Einzug, stückweise
Der Einzug der Dinge erstreckt sich über einige Wochen. Vor mir kommen Kartons, ein Bett und eine Matratze an, am Tag meines Einzugs noch ein Tisch und Stühle. Der Rest kommt stückweise, schließlich auch meine letzten eingelagerten Sachen. Mit dem Nötigen fühle ich mich schon in den ersten Tagen ganz gut, später fange ich an, abzuwägen, welche Dinge wirklich wichtig sind und welche Ballast. Und von letzteren habe ich doch noch mehr als ich dachte. Wieso zum Henker schleppe ich eigentlich noch Kabel und Adapter mit, die ich schon vor zehn Jahren nicht mehr benötigte? So etwa 30 alte LPs, seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr abgespielt, haben die Zeitläufe auch noch nicht von mir getrennt. Vor ein paar Wochen kam ich auf den Gedanken, wieviele unbenutzte Dinge man eigentlich so ansammelt. Bei mir gibt es von Acrylfarbenflaschen bis Zahnpastatuben geschätzt 2600 Dinge in der Wohnung – und ich habe vergleichsweise wenig. Laut Ebay, die nicht ganz uneigennützig regelmäßig Statistiken (verkäuflicher) nicht in Gebrauch befindlicher Dinge veröffentlichen, waren 2011 pro Haushalt im Schnitt knapp 40 nicht (mehr) genutzter Gebrauchsgegenstände von Wert im deutschen Durchschnittshaushalt. Die Anzahl ungenutzter wertloser Gegenstände liegt weit darüber. Und davon habe ich nun sicher über zweihundert mit umgezogen.
Unverständnis
Zwei Wochen nach meinem Einzug sitze ich auf dem Rückweg von der Arbeit auf dem Beifahrersitz in Simones Auto. Sie kann, erzählt sie mir, gar nicht nachvollziehen, wie man alleine in eine fremde Stadt ziehen kann, in der man niemand kennt. Sie ist seit ihrer Kindheit etwa 300 Meter weggekommen von ihrem Elternhaus und hat nach zwei Tagen Urlaub woanders Anflüge von Heimweh.
Heimat?
In meiner letzten Wohnung war ich an die 16 Jahre, unterbrochen durch viele kurze Auslandsaufenthalte und eine längere Weltreise. Als Student zog ich dort ein, als Post-Karrierist aus. Sicher habe ich mich dort heimisch gefühlt, aber von heute aus betrachte ich es nicht als meine alte womöglich verlorene oder aufgegebene Heimat. Jetzt fühle ich mich in meiner jetzigen Wohnung wohl und heimisch – würde ich aber in sagen wir fünf Jahren in einer anderen Stadt an mein jetziges Leben zurückblicken, würde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch hier, wo ich jetzt bin, keine Heimat verorten. Ich glaube nicht, dass Heimat für mich ein Sehnsuchtsort ist. Eher, um mit Cicero zu sprechen: „Pares cum paribus facillime congregantur“ – Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt.
Begegnungen
Gestern habe ich durchgezählt: ich habe in meinem Wohnumfeld vier Kontakte, in der neuen Firma elf, durch mein Kunstinteresse immerhin schon zwei und durch meine nennen wir es Psychohygienegruppe vielleicht vier weitere nennenswerte Kontakte. Nächste Woche lerne ich Menschen aus der örtlichen Sangha kennen. Schon mal ein Anfang.
Hilfe
Ohne Hilfe anderer Menschen wäre ich nicht dahin gekommen, wo ich jetzt bin. Und das erfüllt mich mit einem wirklich positivem Gefühl: große Dankbarkeit.

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