Rilke schaut den Buddha an

Links: Portrait Rainer Maria Rilke von Paula Modersohn-Becker, 1906 – Rechts: Buddha-Amithaba-Statue

Mit Rainer Maria Rilkes Werk habe ich mich die vergangenen Jahrzehnte meines bisherigen Lebens kaum beschäftigt. Eine dunkle Erinnerung an die Schulzeit, und ein paar nebenher gehörte Vertonungen einiger seiner Gedichte, das war es dann auch schon. Obwohl ich eine ausgesprochene Leseratte bin – Gedichte lagen mir nicht. Oder besser gesagt, ich hatte dafür keine Rezeptivität. Seit ich praktizierender Buddhist bin, hat sich mein Verhältnis zur Lyrik jedoch gründlich geändert.

Begünstigend dafür ist sicherlich das Lesen der buddhistischen Sūtras, den alten Lehrreden, die nun mal selber oft genug in Versform vorliegen, so etwa im Dhammapada. Und nun beginne ich, mich in Rilkes Werk zu vertiefen. Den Samen dafür säte Bodhimitra, ein Ordensangehöriger der buddhistischen Gemeinschaft Triratna, in einem Vortrag („Das Schweigen des Buddha und das Problem mit der Sprache“). Er als gebürtiger Niederländer, der seit 1992 in Deutschland lebt, versuche immer noch die Tiefe der deutschen Sprache besser zu durchdringen. Eines seiner forderndsten Übungsgebiete: Rilke. Na denn, dachte ich mir, den Rilke schaue ich mir auch mal an, mal sehen wie ich damit klar komme.

Erste Annäherung

Wenige Wochen später blättere ich in Rilkes Buch der Bilder und lese als erstes die Gedichte, die mich „anspringen“. Eines davon vereinnahmte mich sogar:

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.

Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

Mit allen Sinnen, den Sinnestoren als Weltbezug, wird das Selbst eins mit den Dingen. Bei Rilke, der um stete Veränderung und Vergänglichkeit weiß (siehe zum Beispiel sein bekanntestes Gedicht Herbsttag), wird das Selbst, das Ich, weicher und übergänglicher. Und er fasst das Namenlose, umkleidet von Worten. Die letzten zwei Zeilen lassen das direkte, nicht bewertete Erfassen durch die Sinne schließlich in ein Gefühl eingehen. Aber es drängt sich nicht vor die Sinne, es sinkt und setzt sich. Und ist nicht fest verwurzelt wie die Eiche, sondern flüchtig und kaum greifbar wie die Fische tief im Teiche.

Das Gedicht mit dem Titel Fortschritt (!) schrieb Rilke im Jahr 1900, als er sich von seiner ersten Schaffensphase löste, zu dem Schönen bezieht er auch das unangenehmen und hässlichen Seiten des Da-Seins ein. Er „wurde zu einem Schauenden, zu einem, der sich auf alle Dimensionen der Wirklichkeit einlässt“ (so der Vorspanntext des Insel-Verlags zum Buch).

Beim ersten Reflektieren von Fortschritt fragte ich mich: Hat Rilke auch den Buddha angeschaut?

Die paar Zeilen weisen auf Kernthemen des Dharma hin: Es gibt kein beständiges Selbst (Anātman, Nicht-Selbst), das sich von der Um-Welt trennt. Die Sinnestore (salāyatana) stehen offenkundig weit offen. Das Namenlose, es zieht sich durch Rilkes Werk, verweist auf eine Wirklichkeit, die durch Worte nicht zu beschreiben ist, so wie letztlich das Nirvana nicht in Worten zu fassen ist.

Der Maler Cy Twombley zitiert die letzten vier Zeilen von Fortschritt in Unititled (A Painting in Nine Parts) Part I, 1988 (Cy Twombley Gallery, Houston)
Der Maler Cy Twombley zitiert die letzten vier Zeilen von Fortschritt in Unititled (A Painting in Nine Parts) Part I, 1988 (Cy Twombley Gallery, Houston)

Ich begab mich auf die (Internet)Suche. Gab es irgendwelche Verbindungen, die Rilke zu buddhistischem Gedankengut hatte? Die ihn inspiriert hatten? Ergebnis: Zu dem Zeitpunkt, als Rilke sein Poem Fortschritt verfasste, wohl nicht. Wenn überhaupt, dann gab es nur indirekte Einflüsse. Er hat Schopenhauer und Nietzsche gelesen, besonders letzterer beeinflusste ihn sehr, und beide beschäftigten sich intensiver mit dem Buddhismus. Schopenhauer gilt gar als der erste große Wegbereiter des Buddhismus in Deutschland. Fortschritt ist aber Schöpfung und Ausdruck von Rilkes eigener Weltinnerlichkeit. Rilke hatte 1900 und davor keine buddhistischen Texte studiert.

Doch später tauchen – unvermittelt gar – drei Gedichte in Rilkes Werk auf, die den Buddha zum Gegenstand haben. Sie heißen zweimal Buddha (geschrieben 1905 und 1906) und schließlich Buddha in der Glorie, das 1908 verfasst wurde. Die Zeilen dieses abschließenden und komplettesten Gedichts über den Erleuchteten sind Ausdruck einer tieferen „Schauung“:

Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,
Mandel, die sich einschließt und versüßt, –
dieses Alles bis an alle Sterne
ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.

Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;
im Unendlichen ist deine Schale,
und dort steht der starke Saft und drängt.
Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,

denn ganz oben werden deine Sonnen
voll und glühend umgedreht.
Doch in dir ist schon begonnen,
was die Sonnen übersteht.

Während sich die ersten zwei Gedichte noch mit der Gestalt, besser dem Bildnis des Buddha beschäftigen (Wüßte einer denn zu sagen, welche Dinge eingeschmolzen wurden, um dieses Bild auf diesem Blumenkelche aufzurichten“), löst sich Buddha in der Glorie von der Statue, dem Figurhaften, dem Abbild. Der Buddha ist die Mitte, das Weltliche und alle Galaxien das Fruchtfleisch, das im Kern des Kerns den Buddha nicht berührt, umschließt. Und die ersten vier Zeilen schließen auf Augenhöhe: Sei gegrüßt. Die beiden weiteren Vierzeiler führen weiter in die Unendlichkeit, zur Kraft des Transzendenten, zum Zeitlosen und weg vom Anhaften – du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt.

Rilke in Rodins Garten

Das alles dürfte sich Rilke vor allem durch Betrachten, Kontemplieren und Reflektieren erschlossen und dann zum Ausdruck gebracht haben. Das Studium buddhistischer Schriften fand bei ihm wohl nur ansatzweise statt. 1905, kurz bevor das erste Buddha-Gedicht entstand, schrieb Rilke an seine Frau Clara Westhoff: „Und unten vor dem Fenster steigt der Kiesweg zu einem kleinen Hügel an, auf dem in fanatischer Schweigsamkeit ein Buddha-Bildnis ruht, die unsägliche Geschlossenheit seiner Gebärde unter allen Himmeln des Tages und der Nacht in stiller Zurückhaltung ausgebend. C´est le centre du monde, sagte ich zu Rodin.“

Die Buddha-Statue im Garten Rodins (Quelle: Musée Rodin, Georg Treu, Bei Rodin)
Die Buddha-Statue im Garten Rodins (Quelle: Musée Rodin, Georg Treu, Bei Rodin)

Rilke ist zu diesem Zeitpunkt so etwas wie ein Privatsekretär von Auguste Rodin, und dieser Meister der Plastiken kaufte auf der Weltausstellung 1900 mehrere Buddha-Statuen. Eine davon, eine Amitabha-Figur, wird auf einem eigens dafür aufgeschütteten Hügelchen in Rodins Garten in Meudon aufgestellt. Und diese sieht Rilke 1905, worauf er seinen ersten unmittelbaren Eindruck in dem Brief an seine Frau beschreibt – und kurz darauf sein erstes Buddha-Gedicht verfasst (und wenig später sein zweites, beide werden später in Neue Gedichte veröffentlicht werden). Auffällig, dass er sofort den Begriff der Mitte der Welt (le centre du monde) findet, der sich schließlich wieder als starker Einstieg („Mitte aller Mitten“) bei Buddha in der Glorie findet.

1908, dem Jahr, in dem Rilke Buddha in der Glorie verfasst, schickt ihm Clara ein buddhistisches Buch nach Paris, wo er mittlerweile in einem Hotel logiert, an einem Prosawerk arbeitet und die Gedichtsammlung Neue Gedichte II zusammenstellt. Es handelt sich um die Dīgha Nikāya, den ersten Teil der Längeren Sammlung in der Übersetzung von Karl Eugen Neumann. Und es ist das erste buddhistische Werk, das Rilke belegbar zumindest anliest. Aber das Werk wird von Rilke zurückgelegt, weil ihm seine Arbeiten vorgehen. Es wird ein wenig Wirkung hinterlassen haben, denn Rilke nimmt Buddha in der Glorie in Neue Gedichte II auf, setzt es sogar als Finale als letztes Gedicht ein.

Das sinnliche Erfassen des Buddha in Form der Statue im Garten Rodins hat Rilkes drei Buddha-Gedichte stärker geformt als das Lesen irgendwelcher Literatur. Dieser Zugang dürfte ziemlich einzigartig in der christlich geprägten europäischen Lyrik sein – ein Nicht-Buddhist dringt weit in das Wesen des Dharma, dem von Buddha erkannten und gelehrten Daseins-Gesetzes, ein. Rilke war ein Aufsucher, ein Zufluchtnehmer der Stille. Das und die Erfahrung der Dinge (PDF-Link), aus der er über die Dinge hinaussieht, ermöglichen eine An-Schauung des Buddha und seiner Natur, die er mit anderen Mittel als mit Intellekt, Lesen und Studieren erreicht. Dem Buddha Shakyamuni dürfte auch dieser Weg gefallen.

 

Literatur zum Thema: Karl-Josef Kuschel, Rilke und der Buddha – Die Geschichte eines einzigartigen Dialogs, Gütersloher Verlagshaus, 2010, ISBN: 978-3-579-07020-9

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