Nachbarschaft 2.0 – Deine Hood online vernetzt

Nachbarschaft

Gerade bekommen Online-Nachbarschaftsnetzwerke in Deutschland ein Momentum – die Anzahl der lokal basierten Netzwerke steigt rasant. Auch ich bin jetzt in einer solchen Vernetzung der Nachbarschaft dabei und halte die Idee für sehr sinnvoll. Hintergründe, meine ersten Erfahrungen und meine Einschätzungen kannst Du hier lesen.

Nachbarschaft – egal wie man dazu steht – macht einen guten und wichtigen Teil unserer sozialen Beziehungen aus. Wo in ländlichen Gegenden die Nachbarschaft neben Vereinen einen weiter hohen Stellenwert hat, scheint die Anonymität der Städte und Zunahme der Single-Haushalte weniger gelebte Nachbarschaft zu bewirken. Dabei sind die Deutschen hilfsbereiter als früher.

Haben Sie mal einen Hammer für mich?

Während in den 50er Jahren nicht mal ein Viertel ihren Nachbarn Gegenstände lieh, waren es vor zehn Jahren schon über die Hälfte. Auch Einkäufe oder die Kinderbetreuung werden heute öfter übernommen als in den Jahren, als die Nachbarn noch für soziale Kontrolle standen und mit dem neuen Auto vor dem Haus die Wohlstands-Messlatte demonstrierten.

Wie alles, so haben sich also auch die Nachbarschafts-Verhältnisse geändert. Man denke nur an die vielen Nachbarschaftsinitiativen, die sich wegen eines konkreten Anlasses („wir wollen einen Spielplatz“) gebildet haben. Unterm Strich sind wir deutlich offener für Nachbarschaft geworden. Nun, und dann kam das Internet.

Ich selber nutze das Internet seit nun zwei Jahrzehnten und ein immer größer werdender Anteil der Deutschen ist mit dem World Wide Web sozialisiert worden. Beim Begriff „Soziales Netzwerk“ denkt man heute in erster Linie an Facebook, Twitter und Co., weniger an den Nachbarn zwei Stockwerke über einen. Smartphones machen heute das Vernetzt-Sein mobil. Man hält leichter Kontakt zu Freunden und Verwandten, die weiter weg wohnen. Und in jedem halbwegs großen Ort gibt es lokale Facebook-Gruppen. Aber auch viele Facebook-Freunde, die man nie zu Gesicht bekommen hat.

Und dann wäre noch das Thema Vertrauen. Nachbarn stehen im Vertrauensvorschuss vieler Deutschen (und auch weltweit) ziemlich weit oben. In vielen Ländern wird den Nachbarn mehr vertraut als staatlichen Autoritäten. Es lag auf der Hand, dass sich dies nun auch im Netz widerspiegelt und wir anfangen, uns auf örtlicher Umkreisebene online zu vernetzen.

Ich bin jetzt mal nebenan (.de)

In meinem Viertel nahm die Online-Nachbarschaftsvernetzung für mich damit Anfang, dass ich einen A4-Zettel in meinem Briefkasten fand, der mich in das Nachbarschaftsnetzwerk „nebenan.de/meinkiez“ (Viertelname ist hier nur ein Platzhalter) einlud. Dazu gab es ein paar Informationen, wozu das nützlich sein kann, einen Web-Link und einen Registrierungscode. Keine üblichen Kontaktinformationen, keine Telefonnumer, statt dessen die zwei Vornamen der Einladenden.

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Anmelde-Screen von nebenan.de bei einer bereits bestehenden Community.

Da ich bereits von derartigen Location Based Social Networks gehört hatte, öffnete ich ohne Bedenken diesen Link, nachdem ich mich kurz über die Domain informiert hatte. Unter dem Registrierungs-Button mit der Hauptbotschaft „für eine lebendige, nachhaltige und sichere Nachbarschaft“ sehe ich die drei Hauptversprechen: nützlich, geschützt und privat.

Der nächste Schritt erfordert die Angabe von Namen, E-Mail und Postadresse. Schon während der Eingabe läuft hier im Hintergrund eine Verifizierung, so lassen sich zum Beispiel nur Straßennamen, die zur Postleitzahl passen, eingeben. Diesen Schritt musst du noch mit einer Bestätigungsmail abschließen, kannst aber einstweilen schon mit mit der Online-Verifizierung weitermachen. Neben der Eingabe des Zugangscodes gibt es hier noch die Möglichkeit, den Briefkopf eines offizielles Dokument mit deiner Adresse (etwa eine Rechnung) zu fotografieren und hochzuladen. Als dritte Option kann man sich auch eine Postkarte mit dem Zugangscode zuschicken lassen.

Solltest Du also noch keinen Zugangscode erhalten haben, stehen dir diese Wege offen. So siehst du jedenfalls, ob in deinem Viertel bereits ein Nachbarschaftsnetz existiert. Falls nicht kannst Du ja eines mit den Plattformbetreibern initiieren.

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Eingabe des Zugangscodes zur Verifizierung.

Nach Eingabe des Zugangscodes landest Du sozusagen direkt in deiner Nachbarschaft. Eine Lightbox zeigt dir einen Willkommenstext und eine Karte mit den Grenzen deiner Nachbarschaft. Nach einem optionalen Upload eines Profilbilds darfst (musst) du eine erste Botschaft in deine Hood schicken. Jetzt bist Du mit deiner Hood, genauer gesagt mit den Beteiligten des Netzwerkes aus deiner Nachbarschaft, vernetzt.

Über die Funktionen beziehungsweise Rubriken der Community-Seite kannst du Kontakte zu deinen Nachbarn schließen, etwas verschenken oder zum Kauf anbieten, Leute mit gleichen Interessen finden, Informationen für die Nachbarschaft verbreiten, helfen, teilen und mehr. Um sich davon vorab ein Bild zu machen, kann man auf nebenan.de eine Demo-Community besuchen.

Ich habe das so ausführlich beschrieben, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass zur Registrierung bei vielen Unsicherheiten bestehen, entweder bei der Frage, wie man sich einem Netzwerk anschliesst oder auch bei der Seriosität des Angebots. Ein Kölner Boulevardmedium schrieb sogar reißerisch: „Wer steckt hinter den anonymen Werbezetteln?“ Und ausgerechnet auf Facebook äußern viele die Befürchtung, dass da jemand nur Daten sammeln will. Na, dann gehen wir den Fragen mal nach:

Wer steckt hinter dem Nachbarschaftsnetzwerk?

Betrieben wird die Plattform nebenan.de vom Berliner Startup Good Hood GmbH, das von Christian Vollmann und Till Benke, die in der Startup-Szene keine Unbekannten sind, sowie weiteren Mitstreitern gegründet wurde. Ziemlich genau vor einem Jahr ging eine erste Testphase los, dann folgten Berliner Kieze und wenig später weitere deutsche Großstädte. Inzwischen gründen sich die Nachbarschaftsnetzwerke überwiegend ohne Initalzündung aus Berlin auf eigene Initiative.

nebenan.de ist werbefrei (noch) und gibt laut eigener Aussage keine Informationen über dich nach außen, etwa zu Werbenetzwerken, weiter. Auch Suchmaschinen kommen demnach nicht am Inhalte in nebenan.de-Netzwerken (neudeutsch: Communities) heran. Google Analytics wird mit anonymisierten IP-Adressen verwendet, man kann aber in der Datenschutz-Seite die Erfassung durch Google komplett für die eigene Web-Adresse deaktivieren.

Es soll mal Geld verdient werden

Nun stellen sich sicher viele die Frage, wie sich denn die Betreiber finanzieren, denn die Nutzung ist kostenlos, die Good Hood GmbH verwertet keine persönlichen Daten, und Werbung wird auch nicht geschaltet. Bislang geschieht dies mit dem Geld ihrer Investoren und die wollen sicherlich irgendwann eine Rendite sehen. nebenan.de hat für die Zukunft dazu die lokalen kleinen Geschäfte im Blick: den Bäcker, den Friseur, das Restaurant.

In welcher Form dabei die Monetarisierung geschieht, ist noch offen bzw. nicht öffentlich, angeblich soll die Plattform für Gewerbetreibende kostenpflichtig werden – womit wir möglicherweise von Anzeigen verschont blieben. Aber erst einmal soll eine kritische Masse an Communities entstehen. Weltweit gesehen ist nebenan.de nicht das erste Location Based Social Network. Das bislang erfolgreichste Unternehmen hier dürfte mit aktuell 104 000 Communities Nextdoor aus den USA sein. Und offensichtlich war Nextdoor auch Vorbild für nebenan.de – ein Vergleich beider Startseiten spricht Bände. Auch Nextdoor finanziert sich noch durch das Investorengeld; seit kurzem laufen erste Tests mit „sponsored content“. Bald könnte Nextdoor auch hierzulande auftreten, eine Internationalisierung ist bereits angekündigt und bei unseren Nachbarn in den Niederlande umgesetzt.

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Apps für Smartphones haben noch nicht alle Nachbarschaftsnetzwerke. (Abb: Nextdoor)

In Deutschland ist nebenan.de nicht alleine unterwegs, auch WirNachbarn, ebenfalls aus Berlin, wollen die Nachbarschaft erobern und haben zudem Österreich und die Schweiz auf dem Plan. Umgekehrt wollen die Wiener von FragNebenan jetzt nach Deutschland expandieren. Während nebenan.de noch Entwickler für mobile Apps sucht, hat WirNachbarn schon eine App für Android und iOS veröffentlicht. Weitere Startups haben sich schon versucht und sind gescheitert. Wer noch im Rennen ist, hat recht aktuell Deutsche Startups zusammengetragen. Daneben gibt es noch reichlich Nachbarschaftsnetzwerke, entweder themenbezogen (z.B. Babysitting, gemeinschaftlicher Wohnungsbau) oder regional beschränkt.

Eine Woche Nachbarschaft online

Wie sich das Nachbarschaftsnetzwerk in meinem Viertel entwickelt, werde ich noch berichten. Momentan ist schließlich erst eine Woche seit dem Start vergangen. Die „kritische Masse“ an angemeldeten Nachbarn sollte jedoch erreicht sein, nach sieben Tagen sind bereits 160 Nachbarn vernetzt. Es gab bereits ein erstes spontanes Treffen, eine Tauschgruppe wurde gegründet, Tischtennisspieler verabreden sich,… Ich selber empfahl schon meinen Hausarzt und werde die nächsten Tage einer Dame bei ihrer Website helfen. Als nächstes plane ich, ein paar Musiker aus der Nachbarschaft zusammen zu bringen – wozu das Interessen-Matching von nebenan.de sehr nützlich ist.

Mein erster Eindruck: nebenan.de ist eine gute Plattform, aber nicht zum Konsumieren, sondern für den Austausch. Es steckt ein Stück Nachhaltigkeit drinnen und es könnte zu einer besseren Lebensqualität beitragen, Eigeninitiative vorausgesetzt. In der jetzigen Form ist es ein guter Beitrag, die Nachbarschaftsbeziehungen zu stärken – oder seine Nachbarn erst einmal kennenzulernen.

Ich hätte es lieber gesehen, wenn sich so eine Plattform als Open-Source-Projekt wie Wikipedia oder OpenStreetMap auf die Beine gestellt hätte, denn so müssen wir eine Form der Kommerzialisierung der Nachbarschaft akzeptieren. Aber der Nutzen und die soziale Wirkung für vernetzte Communities können das wettmachen.

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