Rilke schaut den Buddha an

Links: Portrait Rainer Maria Rilke von Paula Modersohn-Becker, 1906 – Rechts: Buddha-Amithaba-Statue

Mit Rainer Maria Rilkes Werk habe ich mich die vergangenen Jahrzehnte meines bisherigen Lebens kaum beschäftigt. Eine dunkle Erinnerung an die Schulzeit, und ein paar nebenher gehörte Vertonungen einiger seiner Gedichte, das war es dann auch schon. Obwohl ich eine ausgesprochene Leseratte bin – Gedichte lagen mir nicht. Oder besser gesagt, ich hatte dafür keine Rezeptivität. Seit ich praktizierender Buddhist bin, hat sich mein Verhältnis zur Lyrik jedoch gründlich geändert.

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Blog den Welttag: Ich verlose endlich Kokain

(Verlosung beendet)

So, das war jetzt zu verlockend, das e in endlich in der Titelzeile klein zu schreiben. Denn es muss heißen „Endlich Kokain“. So lautet der Titel des frisch reingeschneiten Buchs von Joachim Lottmann, dem – wer hat´s erfunden – Popliteratur-Autoren. Der das Talent hat, Bücher in die Welt zu setzen, die erst nach 81 Verrissen (Zählung des Autoren zu „Mai, Juni, Juli“) von einsichtigen Redakteuren geadelt werden. Ein Mann, der den langen Atem gelernt hat. Mehr lesen

Das Blinzeln der Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit

In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich versprochen, über das Buch „Hirnforschung und Meditation“ von Wolf Singer und Matthieu Richard zu berichten. Nun habe ich mich entschieden, dies nur auszugsweise zu machen. Ich bin in diesem Dialog zwischen einem Neurowissenschaftler und einem buddhistischen Mönch nämlich auf zwei Phänomene gestossen, die mich sehr fasziniert haben und denen ich mit eigenen Erfahrungen nachzugehen versuche. Das eine, über das ich hier schreibe, nennt sich „attentional blink“, auf Deutsch: Das Blinzeln der Aufmerksamkeit. Mehr lesen

Bewusstsein seiner selbst: Ein Einkreisungsversuch

Früher, ja früher, da gab es Universalgelehrte. Zum Beispiel der Herr Kant, Immanuel. Der ist uns heute nur als Philosoph bekannt und kaum gelesen, aber sehr wirksam. Mit seinen Kritiken der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft und der Urteilskraft hat er erheblichen Einfluss auf Erkenntnistheorie, Ethik- und Ästhetikdiskussion genommen. Der Mann war aber in seiner langen Vorlesungskarriere in Königsberg auch Dozent in Mathematik, Theologie, Physik, Geographie und Pädagogik, unter anderem.
Nun, diesen Mann hat ein Georg Northoff fiktiv in die Jetztzeit versetzt, in seinem Buch „Das disziplinlose Gehirn“. Northoff, ein Mediziner und Philosoph, geboren 1963, bringt immerhin zwei anscheinend divergierende Disziplinen zusammen – die Neurowissenschaft und die Philosophie. Die Neurophilosophie versucht sich am Zusammenhang zwischen (messbaren) Gehirnvorgängen und dem Geist im Sinne von Bewusstsein, freier Wille, Identität und vor allem dem Selbst. Die Begründerin des Begriffs der Neurophilosophie, Patricia Churchland, benennt die Neurophilosophie aber auch gleich als ein Übergangsphänomen. Für sie als Philosophin ersetzen die Neurowissenschaften bald gänzlich die Philosophie.
Das sieht Northoff anscheinend nicht so, will sogar eine Neuroethik und Neuroantrophologie mit etablieren und schickt den ehrwürdigen Großkritiker Kant ins Rennen. Und der, im Buch an der Seite eines Studenten, mit dem er ständig im Diskurs ist, lässt an den aktuellen Einkreisungsversuchen aktueller Wissenschaftler kaum ein gutes Haar. Er, der säuberlich ziseliert, wann ein Erkenntnisgewinn als gesichert gelten kann und was dafür als notwendige Bedingungen gelten kann, weist im Buch immer wieder spannende, aber empirische Ansätze zurück. Sie gehen nicht weit genug, um das innere, klare Wesen des Bewusstseins zu verorten. Praktisch stossen sie auf so etwas wie eine Brücke zur Außenwelt und wie das Gehirn die Stimuli von dort filtert, zusammensetzt und synchronisiert: Einheit der Dinge, nicht des Bewusstseins. Aber die Qualia, das subjektive Erleben in einem Bewusstseinszustand, lässt sich von außen nicht messen.
Bis hierhin (und das ist jedoch auch sehr erkenntnisreich) habe ich aus dem Buch nebenher erfahren, was wir alles von der Welt um und in uns nicht wahrnehmen. Vor allem können wir unsere neuronalen Aktivitäten im Gehirn nicht wahrnehmen, wir erleben im Geist nur mentale Zustände. Bei seiner eigenen Annäherung an das Selbst, dem Subjekt des Bewusstseins, kommt Northoff zu der Deutung, dass es viel grundlegender ist als selbst von vielen Philosophen angenommen. Es ermögliche überhaupt erst die Organisation von Bewusstsein und Erfahrung. Das Transzendentale, so Kants Definition des Selbst-Bewusstseins, lässt sich aber im wissenschaftlichen Sinne nicht beobachten.

Viel mehr sei nun nicht verraten, falls sich jemand für das Buch interessieren sollte. Nur so viel: Northoff baut auch einen Brückenschlag vom Ich zum Wir, mit einer Umwelt-Gehirn-Einheit, die mithilft, den Selbstbezug auf andere auszuweiten:

Es gibt zwei Extreme. Das eine Extrem ist das Wir, das andere ist das Ich. Und dazwischen ist das Kontinuum zwischen den beiden. Und der Prozess kann je nach Kontext, je nach Umwelt und nach eigenem Zustand des Gehirns dann entsprechend „entscheiden“ – ich sage „entscheiden“ metaphorisch betrachtet – wie, zu welchem Grad dort ein Ich-Bezug oder ein Wir-Bezug hergestellt wird. Also ich würde von einem neuronalen Kontinuum zwischen dem Ich und Nicht-Ich, zwischen Ich und Wir spreche.

Mit Spannung warte ich nun auf die nächste Lektüre zu diesem Themenkreis. Die Buddhisten (ich zähle mich selber immer mehr dazu) beobachten seit 2500 Jahren ihren Geist. Matthieu Ricard stammt aus Frankreich, promovierte als Molekularbiologe und wurde dann buddhistischer Mönch. Er geht mit Wolf Singer, einem bekannten Hirnforscher auf dem Gebiet der Physiologie von Aufmerksamkeit und Identität, in den Dialog über das Thema Hirnforschung und Meditation. In einem der nächsten Beiträge hier werde ich auch dazu schreiben.

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Buchtipp: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen

Am 11. März erscheint ein Buch nun auch in deutscher Ausgabe, das ich euch wirklich empfehlen will. Die Autorin Bronnie Ware berichtet in „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden“ über ihre Erfahrungen als Pallativpflegerin und ihren eigenen spirituellen Weg, der sehr von den Einsichten, Reuen und Wünschen ihrer Patientinnen und Patienten geprägt wurde. Interessant finde ich ihre Beobachtung, dass man in den letzten Tagen seiner jetzigen Existenz noch einmal einen großen Wachstums erfährt. Und ich meine, jeder spürt das besondere Gewicht von ab-schließenden Gedanken und Sätzen. Manche, die Bronnie begleitete, bereuten nichts und schieden mit einem Lächeln auf den Lippen. Wer aber bedauerte, versäumt zu haben, äußerte häufig diese fünf Dinge:

  • Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, ein Leben für mich zu leben und nicht nur das Leben, das andere von mir erwarteten.
  • Ich wünschte, ich hätte nicht soviel gearbeitet.
  • Ich wünschte, ich hätte mich getraut, meine Gefühle zu zeigen.
  • Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden besser aufrecht erhalten.
  • Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu leben.

Als ich selber meinem Leben eine andere Richtung gab, waren dies fünf wesentliche Punkte und sind nun wichtige Ziele auf meinem weiteren Weg. Ich wünsche vielen Menschen, diese fünf Sätze nicht zu spät zu beherzigen.

Life is a choice. It is YOUR life. Choose consciously, choose wisely, choose honestly. Choose happiness.

Bronnie Ware lebt heute als Sängerin und Songwriterin, gibt Online-Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung und schreibt im Blog Inspiration and Chai.

Literaturtipp:
Bronnie Ware – 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden