Ein Atlas der Gefühle

Gefühle

In Gruppentherapien ist es eine weitverbreitete Technik, die Teilnehmer dazu zu bringen, ihre Gefühle zu benennen. Ein einfaches „Ich fühle mich gut“ oder „Alles ok“ reicht da nicht als Antwort. Und fast immer werden bei den Patienten Widerstände zu Tage treten. Und ich behaupte, nicht nur den „Therapiebedürftigen“, sondern der Mehrheit von uns geht es so.

Zwei Dinge sind dabei zu unterscheiden: Wie gut kann ich meine Gefühle wahrnehmen? Und wie gut kann ich meine Gefühle benennen oder ausdrücken?
Das erste, die Wahrnehmung, ist etwas ganz Natürliches. Nur gibt es aber viele Mechanismen, die Wahrnehmung seiner Gefühle zu unterdrücken, Bewusstseins-Filter dafür aufzubauen, oder zu versuchen, sie zu ignorieren. Aber sie sind da (immer!), diese Gefühle, sie lassen sich nicht beiseite schieben, und sie bewirken etwas.
Das Thema dieses Beitrags hier ist allerdings mehr das Benennen und Verorten von Gefühlen – auch das erweist sich oft als schwere Aufgabe. Wieviele Gefühlslagen kann ich konkret benennen? Manchen gelingt da spontan nur ein „gut gelaunt“ oder „schlecht gelaunt“. Das ist so wie nur zwei Himmelsrichtungen zu benennen: „Ich wohne im Norden“; „Ich wohne im Süden“. Das ist wenig konkret, oder? Würdest Du dahin finden?

Gefühle bahnen sich ihren Ausdruck

Nun gibt es neben der Benennung der Gefühle auch andere Wege des Sichtbar-Werdens von Gefühlen, beispielsweise die Mimik oder die Körpersprache. Die lassen sich nicht so einfach vermeiden, worüber ich schon in meinem Beitrag über Micro Expressions geschrieben habe.
Dass aber schon das – durch die Wahrnehmung eigener Gefühle – vorgefilterte Benennen von Gefühlen uns vor Schwierigkeiten stellen kann und oft unklar und nicht richtig zutreffend ist, mag jeden überraschen, der einmal vor die Aufgabe gestellt wird, sagen wir einmal 20 Gefühle zu benennen. Probiere es selber – wie lange brauchst du dafür, was fällt dir schwer dabei?
Benennen braucht Sprache (oder seine Schriftform) als Ausdrucksform. Es gibt unzählige Wörter, die einen Gefühlszustand benennen. Es gibt viele tolle Ausdrucksformen in einzelnen Sprachen. Das Schöne dabei: Bekommt man ihre Bedeutung in der eigenen Sprache umschrieben, kennt man das Gefühl. Was eigentlich aufzeigt, dass Gefühle unter uns (empfindenden) Menschen universell sind.

Gefühle
Saudade – Gemälde von Almeida Júnior (Auschnitt)

Ein schönes Beispiel dafür ist „Saudade“, das portugiesische Wort für einen linden Weltschmerz, den man empfindet, weil man etwas Angenehmes nicht mehr hat und sich nur noch daran erinnern kann. Saudade bringt einen Mix an angenehmen und nicht angenehmen Gefühlen hervor – die Freude, etwas oder jemand erlebt zu haben, und die Traurigkeit dabei, es jetzt zu vermissen.
Als aus dem deutschen Sprachraum stammenden Gefühlswort fällt mir als erstes „Schadenfreude“ ein. Was das ist, brauche ich wohl nicht weiter zu beschreiben, und im englischsprachigen Raum ist es als Lehnswort sehr geläufig.
Das mit den „geliehenen Wörtern“ aus anderen Sprachen finde ich sehr faszinierend, denn es zeigt a) dass Sprache als Ausdruck von Gefühlen seine Beschränkungen hat – was an der jeweiligen Landessprache und ihrer kulturellen Ausprägung seine wesentliche Ursache hat – und b) dass es universelle „Haupt“gefühle gibt – darum verstehen wir ausländische Gefühlswörter, sind sie uns einmal beschrieben beziehungsweise in einer Übersetzung umschrieben, auch so gut.

Schlagen wir einen Gefühls-Atlas auf

Die gerade angesprochenen Hauptgefühle haben viele Wissenschaftler als kulturunabhängig erkannt, das heißt, sie sind allen Menschen und meiner Meinung nach allen fühlenden Wesen zueigen. Wir können Mit-Gefühl für andere Wesen empfinden, ohne ihre Sprache zu verstehen oder ihre Kultur zu kennen.
Um seine Gefühle besser verorten und damit benennen zu können, hat sich der Psychologe Paul Ekman, der sich sehr mit den Gesichtsausdrücken (facial expressions) von Gefühlen beschäftigt hat, einen Atlas der Gefühle ausgedacht. Was mich persönlich dabei sehr freut, ist die Unterstützung dieses Projekts durch den Dalai Lama – was auch dessen Interesse daran ausdrückt, dass wir uns über unsere Gefühle klarer werden. Die sehr schöne visuelle Umsetzung schuf das Designbüro Stamen.

Gefühle
Es ist unschwer zu erkennen, auf welchem Gefühls-Kontinent Paul Ekman und der Dalai Lama sich gerade befinden. (Abb. Stamen)

Wie ich in diesem Text schon habe anklingen lassen, dient unser Globus dem Atlas of Emotions als Hilfsmittel zur Verortung und Einordnung unserer Gefühle. Paul Ekman verwendet dabei Skalen vergleichbar den Längen- oder Höhengraden, und benennt die interkulturellen Hauptgefühle dabei als Kontinente:
• Enjoyment | Freude (Genuss, Vergnügen, Spaß)
• Fear | Angst (Befürchtung, Sorge)
• Disgust | Abneigung (Abscheu, Ekel, Empörung)
• Sadness | Traurigkeit (Schwermut, Betrübtheit)
• Anger | Ärger (Zorn, Groll, Wut)
Alleine die Übersetzung der Namen der Gefühlskontinente zeigt schon eine weitere Auffächerung dieser Hauptgefühle, man könnte hier eine Analogie zu „Europa (Skandinavien, Mitteleuropa, Südeuropa,..)“ ziehen.
Was mir sofort auffiel, als ich den Atlas of Emotions ansah, war der negative Zustand von vier der fünf Gefühlskontinente. Wie auch ich möchte wohl jeder auf dem Kontinent der Freude verweilen. Aber nicht jeder Ort auf diesem Kontinent ist nach genauerem Hinsehen (oder Besuch) frei von einem negativen Beigeschmack. Der intensivste Ausdruck für den Freude-Atlas ist nach Ekman Ecstasy, die Ekstase, das sehr starke Glücksgefühl.
Zufälligerweise heißt auch eine ziemlich blöde Droge Ecstasy. Sie heißt deshalb so, weil sie diesen Zustand, der nur noch Gefühl ist und unsere erlebte Realität unglaublich verzerrt, zu erzeugen verspricht. Was heißt: Auf dem Kontinent der Freude gibt es nicht nur per se gute Gefühle. Gut meine ich hier im Sinn von uns zuträglich, positiv für uns und andere. In milderer Form wird das auch bei dem schon erwähnten Wort Schadenfreude deutlich.

Gefühle werden ausgelebt

Ekman zeichnet auf seinen Gefühlskontinenten die Gefühlszustände (states) auf einer Skala nach ihren Intensitäten, beschreibt diese Gefühlszustände kurz und sehr wertfrei, führt aber noch weitere Dimensionen an, um das Wesen der Gefühle verständlicher zu machen. Das ist zum einen die (Re)aktion, die entweder intrinsisch oder beabsichtigt erfolgt.
Was ist da der Unterschied? Bei einem Gefühl des Ärger-Kontinents könnte eine intrinsische Reaktion etwa die Antwort mit körperlicher Gewalt sein, eine intentionelle dagegen das Üben von Geduld. Manche Aktionen sind sowohl intrinsisch als auch intentionell möglich, etwa der Rückzug aus einer Situation.

Gefühle werden ausgelöst

Unsere Emotionen entstehen nicht aus sich heraus, sie haben Auslöser (trigger). Der Atlas of Emotions unterscheidet auch dabei. Es gibt universelle Auslöser und erlernte Auslöser. Universell wäre zum Beispiel der Auslöser, von jemanden, den wir mögen, zurückgewiesen zu werden. Erlernt hingegen ist beispielsweise der Trigger, für etwas falsch beschuldigt zu werden – hier kommen kulturelle Prägungen wie Ehrbegriffe oder Moralkonventionen hinzu.

Wie erkunde ich den Atlas der Gefühle am besten?

Auch dafür findet sich im Atlas of Emotions eine deutliche Aussage: Be calm.
Calm lässt sich übersetzen mit Gleichmut, Gelassenheit, Besonnenheit. Während Gefühle getriggert werden und (zum Glück) auch wieder schwinden, ist eine Gemütslage der Ruhe ein Grundzustand. Der kann andauern und für den kann man ein „Ausdauertraining“ (etwa Achtsamkeitsschulung, MBSR, Meditation) machen – er ist die Voraussetzung dafür, die Dinge und Gefühle so zu sehen, wie sie sind.

 

Atlas of Emotions

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