Etched in my memory: Das ikonische Antikriegsbild, das Facebook zensierte

Zensur

Eigentlich wollte ich hier kein einziges der allgemein bekannten Antikriegsbilder besprechen. Das ich es nun dennoch tue, daran ist Facebook Schuld. Für mich geht es dabei um reine Zensur, ausgeübt von der größten sozialen Plattform im Internet und damit auch dem de facto global größten Publisher.

Bekannt geworden ist diese Zensur durch das eigenmächtige Löschen dieses ikonischen Bilds durch Facebook, nachdem es die größte norwegische Tageszeitung Aftenposten auf ihrem Facebook-Kanal veröffentlicht hat. Doch es wurde auch schon zuvor zensiert.

Die nackte Wahrheit über den Krieg ein Opfer der Facebook-Zensur

Es ist  aber nicht nur Pressezensur: Aftenposten berichtete dabei darüber, dass dieses Bild zuvor ebenfalls von Facebook aus der Facebook-Chronik des Autoren Tom Egeland entfernt wurde – und er dann weiter von Facebook behindert wurde, darüber zu posten. Facebook störte sich an der Abbildung der nackten Kim Phúc, das Kind auf dem Bild, das sich zuvor wegen eines erfolgten Napalm-Angriffs die brennenden Kleider vom Leib gerissen hatte. Das Bild ist eindeutig eine historische Kriegsfotografie und keine Pornographie. Das Opfer selbst, heute eine Friedensaktivistin und in Kanada lebend, wandte sich selber gegen diesen hanebüchenen Eingriff von Facebook.

Zensur
Das Facebook-posting von Aftenposten mit dem später von Facebook gelöschten Bild.

Die Firma von Marc Zuckerberg ruderte allsbald zurück und versprach, die gelöschten Bilder wieder herzustellen – allerdings nur die, die sie laut eigenen Angaben auch wieder auffinden kann, und nur weil Facebook ausnahmsweise mal die historische Bedeutung dieses einen Bilds akzeptiert und in mühseliger Abwägung dies seinem Regelwerk zu Nudity (das, was Facebook unter expliziter Nacktheit versteht) übergeordnet hat. Will heißen: Das Bild verstößt gegen unsere Regeln, aber wir machen mal eine Ausnahme.

Algorithmen formen immer mehr unser Bild vom Weltgeschehen

Es ist inwischen so, dass die Bilderkennung durch Computer so gut geworden ist, dass Personen auf Fotografien dadurch zuverlässiger identifiziert werden als durch Menschen, die diese Personen kennen. Algorithmen übernehmen so auch die Arbeit menschlicher Zensoren, natürlich ohne einen Hauch von Gefühl. So wurde auch dieses Foto von einem Algorithmus herausgefiltert. Gelöscht haben es allerdings (noch) Menschen aus Fleisch und Blut, die ja „nur nach Unternehmensvorgaben“ handeln.  Weiter geht Facebook bei den Nachrichten, die „trenden“, also schnell populär werden. Die lässt Facebook seit ein paar Tagen von einer Maschine anstatt von Redakteuren auf die Trending-Liste setzen (auch das ging schon schief, weil die Maschine bereits Falschmeldungen aufsass).

Während früher die so genannten ikonischen Fotografien über Zeitungen, Magazine und TV-Berichterstattung verbreitet und so bekannt wurden, wobei Menschen über die Veröffentlichung entschieden (und dabei Abwägungen trafen), ist heute das Internet die Haupt-Bildverbreitungsplattform des Planeten. Wenn zunehmend Algorithmen über die Sichtbarkeit von Fotografien entscheiden, wird sich das uns vermittelte Bild (!) vom Weltgeschehen ändern. Vielleicht hätten solche Fotografien wie dieses vom Agenturfotografen Nick Út, der damals für diese Aufnahme den World Photo Award 1972 sowie den Pulitzer-Preis gewann, in naher Zukunft keine Chance mehr, wahrgenommen zu werden.

Zur Geschichte hinter diesem Foto möchte ich selber nicht schreiben, doch auch die Umstände der Aufnahme und die Intention sowie das Verhalten des Fotografen Nick Út und seiner Kollegen verdienen Beachtung. Das hat der Geschichtsprofessor Gerhard Paul sehr ausführlich und lesenswert hier beschrieben.

 

(Titelbild: Nik Út und die Aufnahme bei Trang Bang, bekannt als Napalm-Mädchen; Quelle: Paris Match)


Etched in my memory – bisher erschienen:

Der Leuchtturmwärter

Das ikonische Antikriegsbild, das Facebook zensierte

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