Das Geschenk der Enttäuschung

Enttäuschung

Titi Paun – Desillusion
artmajeur.com/titip

Enttäuschung ist kein schönes Gefühl. Der eine hatte eigentlich erwartet, dieses Jahr Weihnachtsgeld zu erhalten, jemand anders ist einfach enttäuscht, weil der doppelt so teure Kaffee nicht doppelt so gut schmeckt. Die großen Enttäuschungen klingen dramatischer: Da hat man zehn Jahre auf etwas Großes hingearbeitet und muss sich davon abwenden, weil die jetzige Situation einfach eine andere ist. Das angesparte Geld wurde durch die Wirtschaftskrise entwertet. Der Partner hat sich anders orientiert. Nach zwei Jahren Training schaffe ich noch immer keinen Halbmarathon.

Enttäuschung ist das Gefühl des Unbefriedigten, weil Erwartungen und Hoffnungen sich nicht erfüllen. Das Gefühl der Enttäuschung kann nur zart anklingen oder in voller Orkanstärke Raum gewinnen. Den einen lässt es zusammensacken, der andere hat den Drang zur Aktion, weiß aber nicht, wie er aus diesem Gefühl agieren soll. In dieses Gefühl kann ziemlich viel ziemlich durcheinander gepackt sein: Wut, Gekränktheit, Trauer, Zorn, Verletztheit,… Und Enttäuschung ist oft ein treibendes Gefühl, wenn Menschen eine Entscheidung fällen. Leider.

Vor ein paar Tagen war ich auf einen Vortrag zum Thema „Der wundersame Pfad deiner Schwierigkeiten“, dort wurde auch das Wort Enttäuschung erörtert, und ich vernahm erstaunt, wie neu vielen der Zuhörer der Wortsinn war:

Ent-Täuschung

Man hat sich getäuscht, und die Vorstellung, die Erwartung, die Hoffnung, das Begehren stellt sich als Illusion heraus. Durch ein Ereignis oder Nicht-Ereignis, durch eine klarere Sicht, wegen dem Verhaltens anderer ent-fernt man sich von dieser Illusion, der Falschfestlegung, der Irreführung, der Täuschung. Im Englischen spricht man von disappointment (dis entspricht „ent“, appointment „festlegen“ oder „bestimmen“) und eines der vier französischen Wörter dafür heißt désillusion.

Buddhismus weist einen Ausweg aus leidvollen Erfahrungen, aus dem Reaktionsmuster von Begehren – Enttäuschung erneutem Begehren – erneuter Enttäuschung (buddhanetz.org/dharma)

Nun ist ein Abschied von etwas, das nicht war und nicht sein wird – die Illusion – an sich doch etwas Schönes, Befreiendes, Klärendes. Nur warum erleben wir die Enttäuschung dann nicht so? Weil sie direkt in unser Ego pickt. Weil sie den Selbstwert staucht. Sieht man hier genauer hin, kann auch dies nicht besonders weh tun, denn die Demaskierung durch Enttäuschung ist eine Lektion, aus der wir das Positive ziehen sollten. Nagt die Enttäuschung nachhaltig weiter, kann man noch nicht die Realität annehmen und bleibt in seiner Ich-Bezogenheit gefangen.

Ich hatte selber früher stark mit Vertrauensfragen zu kämpfen, wohl um Enttäuschungen gar nicht erst entstehen zu lassen (sie kamen trotzdem vorbei). Heute versuche ich, Enttäuschungen als Wegweiser zu sehen. Da geht es lang, sagen sie, nimm die Realität an, so sind die Dinge eben.

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